ein Schritt zum Internet

Nachts um zwanzig nach zwei, nach 6 Stunden Schlaf wache ich auf. Mir ist ein wenig kalt, aber nicht mehr so kalt wie zuvor, seitdem ich jetzt noch mit einer Wolldecke schlafe. Ich höre irgendjemanden durchs Haus geistern und schlafe wieder ein.
Gegen 6 Uhr wache ich noch einmal auf. Wie ich später erfahre, geht Jill mit ihrer Nichte und ihrem Neffen zum Melken und Kühe füttern. Ich stehe um kurz vor acht Uhr auf und genieße wieder einmal eine warme Dusche. Überwiegend warme Dusche. Meist warme Dusche. Eine Dusche halt. Eine Dusche, die einen Hahn für Warmwasser und einen für kaltes besitzt. Eine Dusche, deren Wassertemperatur sich allerdings die meiste Zeit danach richtet, ob gerade heißes Wasser von dem (übrigens draußen stehenden) Boiler angeliefert wird und die daher beständig zwischen heiß und kalt wechselt. Und eine Dusche, die man nicht abstellen kann, ohne die Temperatureinstellung zu verlieren. Das ganze in einem Badezimmer fast noch kälter als das restliche Haus. Das Ding, was ich bislang für eine kaputte Leuchtstoffröhrenhalterung gehalten habe und was sich nun als Wärmestrahler entpuppt hat, ist nämlich bislang immer ausgeschaltet gewesen. Noch bin ich damit beschäftigt, herauszufinden, wie man all das mit „Nothing is better or worse, it’s different.“ vereinen kann. Ich werde mich wieder melden, wenn ich es herausgefunden habe.

Um halb neun komme ich an den Frühstückstisch, alle anderen sind bereits fertig. Stuart meint, es sei ja schon fast Nachmittag. Ich esse unbeirrt eine Schale Müsli und auf einmal stoßen Jill und er dazu. Als ich fertig bin, isst Jill noch immer. Ihr Mahl wird jedoch jäh unterbrochen, schuld ist ein Kalb. Oder die Kuh. Oder auch beide. Das Kalb steckt in der Kuh und möchte gerne raus, aber kann nicht. Stuart und Jill versuchen, bei der Geburt behilflich zu sein, aber es klappt nicht. So entschließen sie sich, den Tierarzt zu rufen.
Jills Schwester, deren Mann und Kinder verabschieden sich nun. Morgen sind sie auf einem sechzigsten Geburtstag eingeladen, am Montag beginnt die Schule wieder und sie haben einige Kilometer vor sich.
Wir setzen uns noch ein wenig in die Küche, umgeben von nur noch zwei Hunden. Gegen zwanzig vor Elf kommt der Tierarzt oder vielmehr eine Tierärztin und eine geschätzte knappe halbe Stunde später ist das Kalb, wo es hingehört: Draußen.

Kuh und Kalb

das Kalb ist draußen

Jill säubert seine Atemwege, dann leckt die Mutter es trocken. Ihm werden in den nächsten Tagen und Wochen noch viele folgen.

Kuh und Kalb

Kalb

Dann hole ich Holz für den Kamin. Eines der Stücke zeigt sich doch etwas sehr widerspenstig und ich brauche beinahe zehn Minuten, um ihm Herr zu werden.

Holz

Wieder im Haus, gibt es erst einmal ein Mittagessen, heute ist das Vernichten der Reste angesagt, also freie Auswahl. Ich gucke mir zum ersten Mal meine Spanischbücher näher an und bin doch etwas frustriert darüber, dass das mit der Aussprache schwierig werden könnte… Stuart sieht ein Footballspiel und ich nicke darüber ein, während Jill die Wäsche wäscht. Nebenbei: Eine sehr interessante Sache – die Waschmaschine hat die Einstellungen „cold“, „warm“ und „hot“ und Jill wäscht auf „cold“.
Als ich wieder aufwache, schicken sich Stuart und Jill gerade an, die Kühe zu melken. Ich bleibe noch ein wenig im Haus und versuche noch einmal, meinen Funkfreund zu erreichen. Heute habe ich Glück und erwische ihn unter seiner Handynummer. Er wird mir behilflich sein in Sachen Internet und Handy und zunächst für mich einen günstigen Internetprovider recherchieren. Am Samstag würde er auch einmal vorbeikommen oder mit mir nach Shepparton fahren, um ein Prepaid-Handy zu besorgen. Das sind doch ganz gute Aussichten.
Nach dem Telefongespräch folge ich den beiden nach draußen und füttere dann erst die einzelnen Kälber und dann die Herde selbiger.

Kalb

Das Futter kommt heute nicht wie gestern aus dem Eimer, sondern direkt aus dem Silo. Und ich kriege einen ersten Crashkurs in Sachen Melken.

Melkstand

Mittlerweile habe ich auch die Schokoladenregel verstanden. Ich habe nämlich ein Stück der Schokolade probiert und herausgefunden, dass sie so kakaohaltig ist, dass Jill mit „one chocolate“ höchstwahrschenlich ein Stück meinte.
Die Gebühren für mein Amateurfunkrufzeichen hier in Australien werde ich wohl am Besten als Scheck oder Zahlungsanweisung an den Mann, oder vielmehr an die Fernmeldebehörde, bringen. Überweisungen seien recht teuer, meint Jill.
Während des Essen fällt mir zum wiederholten Male die Bezeichnung „salt reduced“ auf der Butter auf und ich finde es immer noch erstaunlich, dass die offensichtlich gut gesalzene Butter schon reduziert ist. Mein Bedarf, die normal gesalzene Butter zu essen, ist dementsprechend gering.
Im Anschluss an das Essen spreche ich noch mit meinen Gasteltern über Dinge wie EF, meine SCCE-Betreuerin und meine häuslichen Aufgaben. Ich werde (fast wie zu Hause) für das Altpapier zuständig sein – mit dem Unterschied, dass in die Altpapiertonne hier auch Papier, Pappe, Glas, Dosen, Plastik hineinkommen – einfach alles. Das könnte man in Deutschland ruhig auch mal einführen. Außerdem werde ich mich weiterhin um das Holz kümmern. Ist ja auch irgendwie in meinem Interesse, das es warm bleibt hier drinnen. Außerdem sprechen wir noch über die Familie, die mich morgen nach Melbourne mitnehmen wird und auch einen Austauschschüler hat (oder vielmehr eine Austauschschülerin, auch über STEP IN/SCCE), und über die Nachbarn. Wobei Nachbarn ein recht großes Wort ist hier in Australien. Sie wohnen meist nur einen Block entfernt, aber das ist mal eben eine Meile.
Ich plaudere noch ein wenig mit Jill, sie zeigt mir ein Fotoalbum der vorhergehenden Austauschschülerin, während Stuart sich schon dem Fernsehen widmet. Als ich mich anschicke, ins Bett zu gehen, schickt sich eines der Kälber an, geboren zu werden und eine Fernsehsession wird zwangsläufig unterbrochen.
Als beide von draußen zurück sind und vorm Fernseher sitzen, gehe ich zu Bett. Mein Wecker wird um viertel vor sechs klingeln, morgen ist die „arrival orientation“ in Melbourne und um zwanzig vor sieben ist Abfahrt in Richtung Shepparton.

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Eine Reaktion zu “ein Schritt zum Internet”

  1. Kathi

    awwwww ich steh auf dein Kuh/Kalb geschichte

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