Kulturschock

STEP IN beschreibt im Schülerhandbuch den Kulturstress als einen

„[…] Ausdruck dafür, dass Du dich in einer Phase Deines Austausches völlig überfordert fühlst. […] Kulturstress kann schon bald nach Deiner Ankunft, aber auch erst zu einem viel späteren Zeitpunkt Deines Austausches auftreten.“

Kulturstress meint die selben Symptome wie Kulturschock, trägt aber der Tatsache Rechnung, dass es sich dabei eher um einen Prozess als um ein spontan auftretendes Problem handelt. Kulturstress ist ein recht komplexes Thema und hängt zusammen mit den verschiedenen Phasen, die ein Austauschschüler während seines Aufenthaltes üblicherweise durchläuft.

Einige Informationen zu Faktoren, die bei mir dem Kulturstress zuträglich waren, und generelle Informationen zur australischen Kultur habe ich hier einmal zusammengefasst:

Ein Wort zum Wetter:
Die erste Tatsache gleich zu Beginn: Wer im Juli nach Australien kommt, darf sich auf kühle Temperaturen einstellen, solange er sich nicht in den subtropischen Klimazonen aufhält. In Victoria sind Minusgrade durchaus möglich und mindestens ein Pullover sollte sich deshalb durchaus im Gepäck befinden.
Wenn es dann aber warm wird – und je nach Bundesstaat kann das schon im August, aber auch erst im Dezember stattfinden -, dann kann man sich genauso darauf einstellen, dass man für Heißwasser den Kaltwasserhahn aufdrehen kann und trotzdem welches bekommt, weil sich einfach alles aufwärmt. Daher kommt auch die Angewohnheit, Wasser in den Kühlschrank oder sogar die Gefriertruhe zu stellen, bevor man es trinkt.

Ein Wort zum Thema „water restrictions“:
Wasser ist in Australien das Thema schlechthin. Wo in Deutschland über Weltpolitik oder den Inhalt der Bildzeitung diskutiert wird, redet man in Australien von Wasser. Denn davon hat man meist leider immer viel zu wenig.
Das wird in den Familien unterschiedlich gehandhabt: Bei meiner Koordinatorin Charlotte beispielsweise war an der Dusche eine wasserdichte Stoppuhr angebracht, damit man auch nicht länger als zwei Minuten duschte. Berenice und Jerren sahen das nicht ganz so eng, hatten aber den Duschkopf gegen eine wassersparende Version ausgetauscht. Susanna und Tom haben das Glück, den water restrictions nicht unterlegen zu sein, weil sie nur Regenwasser benutzen. Und solange es regnet, bedeutet das nahezu unbegrenzt lange Duschen.
Der Wassermangel kann in Australien schon einmal zu komischen Ereignissen führen. Kürzlich sah ich einen Bericht im Fernsehen, in dem ein Grundbesitzer im Nachbarschaftsstreit bei 42 Grad im Schatten einer ganzen Reihe von Reihenhäusern das Wasser abdrehte.

Ein Wort zum Thema Reisen:
Beim Reisen in Australien mit Australiern kommen zwei Faktoren zusammen: Die Tatsache, dass Australien in der Größe ungefähr mit Europa gleichzusetzen ist und die Gelassenheit der Australier. Ingesamt lässt sich das wie folgt zusammenfassen: „Der Weg ist das Ziel“. Aber natürlich gibt es auch da noch feine Unterschiede. Berenice und Jerren beispielsweise sind meist eher zielorientiert gefahren, haben sich also ein Ziel ausgesucht und nur für Notwendigkeiten gestoppt. Susanna und Tom hingegen fahren mehr verwandtenorientiert: Gehalten wird dort, wo man eingeladen wird, zu halten. Da kann dann eine 4,5-stündige Autofahrt schon mal schnell zu einer elfstündigen Reise avancieren.

Ein Wort zum Thema Religion:
Religion ist ein heikles Thema, weil man mit einer unbedachten Äußerung sich selbst sehr schnell in eine unliebsame Diskussion verwickeln kann und mitunter die religiösen Gefühle seiner Mitmenschen verletzt. In den verschiedenen Familie und Phasen meines Aufenthaltes lernte ich sehr unterschiedliche Menschen kennen, die alle sehr unterschiedliche Verhältnisse zu Religion haben.
Bei Jill und Stuart und auch bei Charlotte, meiner Koordinatorin, war Religion kein besonderes Thema. Keine Kreuze sichtbar im Haus aufgestellt, kein Beten am Tisch, keine kirchliche Schule. Bei Berenice und Jerren habe ich erst bei meinem Nachbesuch kurz nach Weihnachten das Kreuz bemerkt, das in der Nähe des Esstisches an der Wand hängt. Und natürlich gingen meine Gastschwestern und ich auf eine katholische Schule. Kirchgänge gab es allerdings auch hier nicht.
Bei Susanna und Tom schließlich spielte die Religion eine ganz andere Rolle. Vor dem Essen wurde gebetet, mehr oder weniger regelmäßig ging man in die Kirche in Portland und alle paar Wochen ging Tom zur „bible study„. Man feierte „baptism birthday“, eine Art Jahrestag der Taufe, mit dem Anzünden der Taufkerze und einige Minuten kurzer Erinnerung an die Taufe. Susanna war in ihrem Handel stark von der Religion geprägt, was für weltliche Persönlichkeiten des öfteren durchaus zu kuriose Situationen und Ansichten geführt hat.
Letztendlich sind religiöse Ansichten aber vor allem persönliche Ansichten. Glauben ist etwas, das man nur selbst machen kann. Und falls es jemanden interessieren sollte: Ich persönliche halte in dieser Sache die Einwände Reinhard Meys für angebracht.

Ein Wort zum Thema Bevölkerung:
Anderen deutschen Austauschschülern gegenüber habe ich meist den südländischen Bevölkerungsanteil Deutschlands mit dem asiatischen Bevölkerungsanteil Australiens verglichen. Mein Gastvater Tom hat mir dann einmal mitgeteilt, dass vor nicht allzulange Zeit eine ungewöhnlich hohe Anzahl türkischstämmiger Einwanderer nach Australien gekommen sind, die sich aber mittlerweile in die Bevölkerung harmonisch eingegliedert haben.
Insgesamt lässt sich sagen, dass man in Australien nach Toms Schätzungen ungefähr 200 verschiedene Nationalitäten vertreten hat und diese Tatsache äußert sich auch im Erscheinungsbild besonders der Großstädte, die allesamt recht multikulturell ausgerichtet sind.

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Ein Hinweis am Rande: Für allgemeine Anfragen gibt es auch noch meine E-Mail-Adresse, für Grüße steht das Gästebuch jederzeit gerne zur Verfügung.


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